Heute wählt meistens der Anbieter, welches KI-Modell in einer Legal-AI-Plattform die Akten Ihrer Kanzlei liest. Maßgeblich ist dabei seine eigene Kostenrechnung. Harvey hat das 2026 mit einer wirtschaftlich vernünftigen Entscheidung vorgeführt. Getroffen hat sie Harvey, nicht seine Kunden.
Alle Zahlen in diesem Text stammen aus Nordamerika oder von den Anbietern selbst. Quellen sind Bloomberg, Fast Company, LawSites, Harveys Blog und das britische Fachmedium Artificial Lawyer. Harvey und Legora verkaufen auch in Deutschland. Weder die Bundesrechtsanwaltskammer noch eine deutsche Aufsichtsbehörde hat dazu eigene Zahlen erhoben.
Was bei Harvey geschah
Legal AI wird teurer, je mehr Arbeit sie selbstständig erledigt. Ein Assistent, der mehrere Schritte nacheinander ausführt, verbraucht weit mehr Tokens als die Antwort auf eine einzelne Frage. Shawn Curran, Gründer des Anbieters Jylo, sagte dazu im Juni 2026 gegenüber Artificial Lawyer: Niemand werde Legal-Tech-Anbieter mit einer Flatrate nach dem Prinzip „all you can eat“ subventionieren.
Bei Harvey zeigte sich das deutlich. Das Unternehmen gab an, sein Tokenverbrauch sei 2026 bislang auf das 20-Fache gestiegen. Bloomberg berichtete unter Berufung auf eine mit der Sache vertraute Person, die Bruttomarge sei von rund 50 % auf minus 50 % im Juni gefallen. Von Harvey selbst stammt diese Zahl nicht.
Harvey reagierte mit Tenet. Das eigene Rechtsmodell erschien im August 2026 und basiert auf Kimi K3. Kimi K3 ist ein Modell mit offenen Gewichten, das Moonshot AI aus Peking im Juli veröffentlicht hatte. Nach dem Start von Tenet war die Marge laut informierten Kreisen wieder positiv.
Wer die Entscheidung trifft
Wirtschaftlich war der Schritt vernünftig. Ein Anbieter, dessen Kosten schneller wachsen als seine Erlöse, muss handeln. Ein günstigeres Modell für Routinearbeit liegt dann nahe. Mitgründer Gabe Pereyra sagte gegenüber The Next Web, Harvey leite jede Aufgabe ohnehin an das Modell weiter, das am besten zu ihr passe.
Im März 2026 nannte Harvey unter seinen Modellen Claude Opus 4.6, Sonnet 4.6, GPT-5.2 und Gemini 3 Flash. Tenet ist hinzugekommen und hat die anderen nicht vollständig ersetzt. Laut Bloomberg braucht Harvey für die schwierigsten Aufgaben weiterhin Claude Opus.
Wir halten weder Harvey noch Legora für schlechte Produkte. Für Ihre Kanzlei zählt aber eine andere Frage: Wer bestimmt, welches Modell Ihre Schriftsätze liest? Bei einer Plattform bestimmt das der Anbieter, nach seiner eigenen Kostenrechnung. So funktioniert eine Plattform eben, und daran ist nichts Unredliches.
Modelle lassen sich tauschen
Das Modell selbst bindet eine Kanzlei kaum. Große Kanzleien arbeiten schon heute mit mehreren. Im ILTA Technology Survey 2026 gaben 44 % der 508 befragten Mitgliedskanzleien an, Claude zu nutzen oder zu prüfen. Für Harvey waren es 43 %, für CoCounsel 44 %, für Legora 16 % und für Microsoft Copilot 76 %.
Bei Kanzleien mit mehr als 700 Anwälten nutzen oder prüfen 84 % Harvey, 64 % Claude und 47 % Legora. Mindestens 48 % dieser Kanzleien haben damit Harvey und Claude zugleich im Blick. „Nutzen oder prüfen“ heißt allerdings nicht, dass ein Werkzeug im Arbeitsalltag eingesetzt wird. Die ILTA-Mitglieder sind überwiegend Kanzleien in Nordamerika.
Auch Legora baut auf große Sprachmodelle. Anthropic gibt an, dass Legora Claude in seiner gesamten Plattform einsetzt. Eine vollständige Liste seiner Modelle veröffentlicht Legora nicht.
Was sich schwer mitnehmen lässt
Schwer mitzunehmen ist zweierlei. Das erste ist das Wissen, das eine Kanzlei in der Plattform aufbaut: Prompts, Prüfabläufe, Musterformulierungen. Harvey meldete am 10. Februar 2026 in seinem Blog, Kunden hätten auf der Plattform 25.000 eigene Workflows angelegt. In jedem davon steckt die Arbeit von Berufsträgern.
Ob sich solche Workflows exportieren lassen, wissen wir nicht. Fragen Sie vor der Unterschrift schriftlich danach. Lassen Sie sich auch das Format nennen, in dem Sie Ihre Inhalte zurückerhalten.
Das zweite ist die Prüfung jedes Dienstleisters, der Mandantendaten zu sehen bekommt. Nach § 203 StGB und § 43e BRAO darf eine Kanzlei Dienstleister einbinden, wenn sie diese sorgfältig auswählt und zur Verschwiegenheit verpflichtet. Bei jedem neuen Werkzeug, das Mandantengeheimnisse zu sehen bekommt, beginnt diese Prüfung von vorn. Hinzu kommen die Fragebögen von Mandanten, die wissen wollen, wohin ihre Daten gehen.
Ein dritter Punkt ist die Vertragslaufzeit. Ein Sprecher von Harvey sagte 2025 gegenüber Fast Company, große Kanzleien verpflichteten sich auf mindestens 100 Nutzerlizenzen für mindestens ein Jahr. Bindung entsteht also durch den Vertrag und durch das, was im Werkzeug aufgebaut wird. Das Modell lässt sich dagegen austauschen.
Was im Vertrag stehen sollte
Vor der Unterschrift oder der Verlängerung sollten Sie dem Anbieter fünf Fragen stellen:
- Welche Modelle setzt die Plattform heute ein, und für welche Aufgaben?
- Wie informiert der Anbieter Sie, wenn er ein Modell austauscht oder hinzufügt?
- Können Sie Prompts, Playbooks und Workflows exportieren, und in welchem Format?
- Welche Unterauftragnehmer sehen Ihre Daten, und wo werden sie verarbeitet?
- Wie lange läuft der Vertrag, und zu welchem Termin können Sie kündigen?
Die Antworten gehören in den Vertrag oder in eine schriftliche Zusage. Eine mündliche Auskunft im Verkaufsgespräch hilft bei der Verlängerung wenig.
Zwei Dinge in der eigenen Hand behalten
Frei wählen kann eine Kanzlei nur, wenn sie diese beiden Dinge selbst in der Hand hat. Erstens liegen Prompts und Playbooks in ihren eigenen Dateien, etwa in einer Vorlagensammlung im Dokumentenmanagement. Die Plattform erhält davon eine Kopie. Das Original bleibt in der Kanzlei.
Zweitens werden Namen und andere Kennungen auf den eigenen Rechnern entfernt, bevor ein Dokument das Haus verlässt. Dann muss ein neues Werkzeug nicht die volle Mandantenakte sehen. Die Regel dafür gehört schriftlich in die KI-Richtlinie der Kanzlei.
promptShield erledigt diesen zweiten Schritt auf Ihrem Rechner. Die Funktion Kodieren ersetzt Namen, Anschriften, Kontonummern und andere Kennungen durch kurze Codes. Der erste Buchstabe zeigt den Typ. Ein Code hat zum Beispiel die Form [P0ABCD].
Innerhalb eines Ordners erhält derselbe Wert jedes Mal denselben Code. So kann ein Modell die Parteien über mehrere Dokumente hinweg auseinanderhalten. Dokumente in verschiedenen Ordnern erhalten verschiedene Codes.
Die kodierte Fassung funktioniert mit jedem Werkzeug, das Ihre Kanzlei wählt: Claude, ChatGPT oder eine Legal-AI-Plattform. Die Codes sind einfacher Text. Beim Dekodieren setzt promptShield die echten Werte aus dem Code-Register auf Ihrem Rechner wieder in die Antwort ein. Wie das im Einzelnen abläuft, erklärt unser Beitrag zur umkehrbaren Schwärzung.
Die Erkennung, die Texterkennung (OCR) und die Schwärzung laufen in der Grundeinstellung lokal. Eine Ausnahme ist die optionale Tiefenanalyse. Sie lässt sich auf ein externes Modell umstellen, und dann verlässt der Text der Seiten den Rechner.
Auch ein kodiertes Dokument ist weiterhin vertraulich zu behandeln. Das Entfernen von Kennungen hebt die Verschwiegenheitspflicht nicht auf. Nutzen Sie deshalb zusätzlich ein Geschäftskonto, dessen Anbieter Ihre Eingaben nicht zum Training verwendet.
Hat die Kanzlei beides selbst in der Hand, wählt sie eine Plattform nach ihrer Leistung und verlängert den Vertrag nur, wenn die Leistung stimmt. Wofür man bei einer solchen Plattform tatsächlich mehr bezahlt, haben wir in einem eigenen Beitrag untersucht.
Häufige Fragen
Welches KI-Modell steckt heute in Harvey?
Harvey arbeitet mit mehreren Modellen. Im März 2026 nannte das Unternehmen Claude Opus 4.6, Sonnet 4.6, GPT-5.2 und Gemini 3 Flash. Seit August 2026 gehört auch Tenet dazu, ein eigenes Modell auf Grundlage von Kimi K3.
Kann eine Kanzlei den Legal-AI-Anbieter wechseln?
Das Modell ist dabei selten das Hindernis. Schwieriger sind die Vertragslaufzeit, das in der Plattform aufgebaute Wissen und die erneute Prüfung nach § 43e BRAO. Wer Prompts in eigenen Dateien hält und Kennungen vorab entfernt, wechselt leichter.
Was sollte im Vertrag mit dem KI-Anbieter stehen?
Der Vertrag sollte regeln, welche Modelle eingesetzt werden, wie ein Modellwechsel mitgeteilt wird und ob sich Prompts und Workflows exportieren lassen. Dazu gehören Unterauftragnehmer, Ort der Verarbeitung, Laufzeit und Kündigungsfristen. Lassen Sie sich die Antworten schriftlich geben.
Nutzt Legora Claude?
Laut Anthropic setzt Legora Claude in seiner gesamten Plattform ein. Eine vollständige Liste seiner Modelle veröffentlicht Legora nicht.
Dieser Text ordnet die Lage ein und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.