Wo landen die Dokumente, wenn eine Kanzlei Copilot for Legal oder Claude for Legal nutzt? Das hängt von Einstellungen ab, die die meisten Anwälte nie zu sehen bekommen. Entscheidend ist, welches Modell die IT freigeschaltet hat und welche Konnektoren aktiv sind. Der Satz „Wir nutzen Copilot“ beantwortet die Frage eines Mandanten deshalb nicht.
Vier Angebote für Kanzleien in fünf Monaten
Laut LawNext haben 2026 vier große KI-Unternehmen ein Angebot für Kanzleien vorgestellt. Anthropic begann am 12. Mai mit Claude for Legal. Google folgte am 25. August mit Gemini Enterprise for Legal, zunächst als Vorschau. OpenAI startete am 17. September Astra for Law, im Rahmen eines Trusted Access Program und nur für ausgewählte Großkanzleien.
Seit dem 15. Oktober steht Copilot for Legal allen Kunden von Microsoft Copilot weltweit zur Verfügung. LawNext zufolge stellt es in Word und Cowork mehr als 20 juristische Funktionen bereit. Dazu kommen Plugins von mehr als zwei Dutzend Partnern, darunter Harvey, Legora, iManage, NetDocuments, Everlaw und Relativity. Harvey ist bereits seit Juni 2026 in Copilot verfügbar.
Claude for Legal lässt sich laut ABA Journal an 20 juristische Plattformen anbinden. Dazu gehören Westlaw und CoCounsel von Thomson Reuters, iManage, NetDocuments und Harvey. Hinzu kommen 12 Plugins für einzelne Rechtsgebiete.
Damit ist die KI in Programme eingebaut, die Kanzleien ohnehin nutzen. Deshalb wirkt die Frage nach dem Verbleib der Dokumente erledigt. Tatsächlich ist sie offener als zuvor. Wofür Kanzleien bei spezialisierten Plattformen wie Harvey mehr bezahlen, behandeln wir in einem eigenen Beitrag.
Was Microsoft zu Anthropic-Modellen dokumentiert
Microsoft beschreibt die Lage auf Microsoft Learn klar (Stand der Seite: 18. September 2026). Anthropic ist dort als Unterauftragsverarbeiter von Microsoft aufgeführt. Grundsätzlich gelten für die Anthropic-Modelle Microsofts Product Terms, das Data Protection Addendum und die Enterprise Data Protection. Die Ausnahme sind Modelle mit der Kennzeichnung „Anthropic models with Data Retention“.
Für die meisten Geschäftskunden sind Anthropic-Modelle standardmäßig eingeschaltet. In der EU, der EFTA und im Vereinigten Königreich sind sie standardmäßig ausgeschaltet. Diese vorsichtige Voreinstellung ist gut dokumentiert. Im selben Text heißt es, die Modelle seien derzeit von der EU Data Boundary ausgenommen und, wo einschlägig, auch von den Zusagen zur Verarbeitung im jeweiligen Land.
Copilot schickt Dokumente also nicht generell an Anthropic. Das geschieht nur, wenn ein Claude-Modell im Einsatz ist. In der EU setzt das zusätzlich voraus, dass ein Administrator diese Modelle eingeschaltet hat. Ob das in Ihrer Kanzlei geschehen ist, zeigt das Admin Center.
Modelle mit Datenaufbewahrung
Bei den „Anthropic models with Data Retention“ tritt Anthropic laut Microsoft als unabhängiger Auftragsverarbeiter auf. Es gelten Anthropics eigene Geschäftsbedingungen und sein eigenes Data Processing Addendum. Microsoft schreibt dazu, diese Modelle seien „not subject to your Microsoft Customer Agreement“.
In diesem Fall speichert Anthropic die meisten Eingaben und Ausgaben bis zu 30 Tage. Inhalte, die von Trust-and-Safety-Klassifikatoren markiert werden, bleiben bis zu zwei Jahre gespeichert. Ohne ausdrückliche Erlaubnis nutzt Anthropic diese Daten nicht für das Training.
Auch hier sind die Voreinstellungen zurückhaltend. Diese Modelle sind überall standardmäßig ausgeschaltet und brauchen eine Freigabe durch den Administrator. Nutzer sehen im Produkt, wenn ein Modell Datenaufbewahrung voraussetzt. Für die Antwort an den Mandanten zählt aber, was tatsächlich freigegeben wurde.
Jeder Konnektor ist ein eigener Dienst
Beide Produkte arbeiten mit zahlreichen Anbindungen an andere Programme. Jeder Konnektor ist ein eigener Dienst mit eigenen Bedingungen. Die Anfragen, die er erhält, können Inhalte aus der Mandatsakte enthalten.
Nicht jede Anbindung verändert die Lage gleich stark. Konnektoren zu Dokumentenmanagementsystemen wie iManage oder NetDocuments greifen auf die Ablage zu, in der die Akten ohnehin liegen. Ein Recherchedienst oder ein Partner-Plugin erhält dagegen womöglich Auszüge, die bisher nie bei diesem Anbieter lagen. Für jeden aktiven Konnektor braucht die Kanzlei daher eine eigene Antwort.
Datenschutz in der Kanzlei: AVV, § 203 StGB, § 43e BRAO
Für jeden Dienstleister, der personenbezogene Daten in Ihrem Auftrag verarbeitet, verlangt Art. 28 DSGVO einen Auftragsverarbeitungsvertrag. Bei den übrigen Anthropic-Modellen in Copilot gilt Microsofts Data Protection Addendum, Anthropic ist dann Unterauftragsverarbeiter. Bei einem Modell mit Datenaufbewahrung gilt stattdessen Anthropics eigener Vertrag. Jeder Partnerdienst bringt wiederum eigene Bedingungen mit.
Für Berufsgeheimnisträger gilt zudem § 203 StGB. Nach § 43e BRAO dürfen Anwälte Dienstleister nur unter bestimmten Voraussetzungen einbinden. Verlangt werden unter anderem ein Vertrag in Textform mit Verschwiegenheitsverpflichtung und die Beschränkung auf das Erforderliche. Bei Leistungen im Ausland muss der Geheimnisschutz dem inländischen vergleichbar sein.
Kontrollieren können das die Datenschutzaufsichtsbehörden der Länder und, beim Berufsrecht, die Rechtsanwaltskammern. Beide fragen nach Verträgen und Konfigurationen, nicht nach Produktnamen. Mandanten stellen in ihren Sicherheitsfragebögen inzwischen dieselben Fragen.
Die richtige Antwort ändert sich mit jeder Freigabe im Admin Center. Eine Auskunft aus dem Frühjahr kann im Herbst schon falsch sein.
Eine Antwort, die nicht von Einstellungen abhängt
Eine Kanzlei kann die Frage auch anders beantworten. Sie nimmt die identifizierenden Angaben heraus, bevor ein Dokument überhaupt an einen KI-Assistenten geht. Dann gilt dieselbe Antwort, gleich welches Modell oder welcher Konnektor aktiv ist.
promptShield erledigt das auf Ihrem Rechner. Die Funktion Kodieren ersetzt Namen, Anschriften, Kontonummern und andere identifizierende Angaben durch kurze Codes. Die Codes haben etwa die Form [P0ABCD]. Der erste Buchstabe steht für die Art der Angabe. Die genauen Zeichen vergibt Ihre Installation.
Innerhalb eines Ordners behält derselbe Wert denselben Code. So kann ein Modell die Parteien über mehrere Dokumente hinweg verfolgen. Dokumente in verschiedenen Ordnern erhalten verschiedene Codes. Nur ein Code, den Sie von Hand festlegen, gilt in der ganzen Bibliothek.
Die Funktion Dekodieren stellt die echten Werte aus dem lokalen Code-Register wieder her, sowohl in einer Datei als auch in eingefügtem Text. Die Desktop-Anwendung öffnet Word-, Excel- und PowerPoint-Dateien sowie PDF-Dateien. Die anonymisierte Datei lässt sich im Originalformat exportieren. Wie Codes und Dekodieren funktionieren, erklärt ein eigener Beitrag.
Die Erkennung personenbezogener Daten, die Texterkennung und die Schwärzung laufen standardmäßig auf Ihrem Rechner. Eine Ausnahme ist die optionale Tiefenanalyse. Stellen Sie diese auf ein externes Modell um, verlässt der Seitentext den Rechner.
Was das Kodieren nicht ersetzt
Ein Dokument ohne Namen bleibt vertraulich. Strategie, Beträge und Formulierungen bleiben auch ohne Namen sensibel. Achten Sie deshalb weiterhin auf Vertragsbedingungen, die das Training mit Ihren Daten ausschließen.
Solche Zusagen gibt es bereits. OpenAI nutzt Eingaben und Ausgaben aus ChatGPT Enterprise, ChatGPT Business, Edu und der API-Plattform standardmäßig nicht für das Training. Anthropic verwendet Eingaben und Ausgaben seiner kommerziellen Produkte standardmäßig ebenfalls nicht dafür. Wie Sie die Regel schriftlich festhalten, zeigt unser Beitrag zur KI-Richtlinie.
Für den Fragebogen heißt das: Nennen Sie das Produkt, die freigegebenen Modelle und die aktiven Konnektoren. Kürzer wird die Antwort, wenn die Dokumente vorher kodiert wurden. Was die Desktop-Anwendung kostet, steht auf der Preisseite.
Häufige Fragen
Ist Copilot for Legal für Kanzleien DSGVO-konform?
Das hängt von der Konfiguration ab. Für Copilot selbst und die übrigen Anthropic-Modelle gelten Microsofts Data Protection Addendum und die Enterprise Data Protection. Freigegebene Modelle mit Datenaufbewahrung und jeder Konnektor brauchen eine eigene Prüfung. Hinzu kommen die Anforderungen des § 203 StGB.
Verlassen Daten die EU, wenn Copilot Anthropic-Modelle nutzt?
Das ist möglich. Laut Microsoft Learn sind sie derzeit von der EU Data Boundary ausgenommen. In der EU, der EFTA und im Vereinigten Königreich sind sie standardmäßig ausgeschaltet, erst eine Freigabe durch den Administrator schaltet sie ein.
Darf eine Kanzlei Claude for Legal mit Mandatsunterlagen nutzen?
Mit einem Geschäftskundenvertrag, einem Auftragsverarbeitungsvertrag und den Bedingungen des § 43e BRAO ist das grundsätzlich möglich. Prüfen Sie zusätzlich jede Plattform, die Sie anbinden. Kodierte Unterlagen erleichtern diese Prüfung.
Dieser Beitrag gibt den Stand der Anbieterdokumentation im Oktober 2026 wieder und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.