Meinung
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KI und Glaubwürdigkeit von Texten: Das Ende des Prestiges

Von Amine Gaaliche · Entwurf mit Claude erstellt, von Hand geprüft und redigiert

Ein gut geschriebener Text galt lange als Beleg dafür, dass sein Verfasser sein Fach beherrscht. Seit ein Sprachmodell für jeden flüssig und überzeugend schreibt, beweist guter Stil nichts mehr. Das gilt selbst für Texte echter Fachleute. Was den Stil als Beleg ersetzt, lässt sich nicht delegieren: Sie müssen eine Aussage selbst verstehen. Danach prüfen Sie sie anhand einer Quelle, die nicht vom Verfasser stammt.

Der Redner und der Arzt

In Platons Dialog „Gorgias“ stellt Sokrates dem berühmten Redelehrer Gorgias eine Frage. Angenommen, ein Redner ohne medizinische Kenntnisse und ein Arzt sprechen vor Zuhörern, unter denen kein Arzt ist: Wer überzeugt sie eher?

Gorgias räumt ein, dass es der Redner ist. Nachzulesen ist das in Abschnitt 459a. Sokrates zieht dort nur die Folgerung aus dem, was Gorgias zuvor selbst behauptet hat.

Das ist rund 2.400 Jahre her. Dass Überzeugungskraft und Fachwissen auseinanderfallen, hat seitdem niemand gelöst. Man hat sich mit einer Notlösung beholfen.

Die Notlösung: Prestige

Ein gut aufgebauter, schlüssig begründeter Text galt als Hinweis darauf, was sein Verfasser kann. Wer gewandt schrieb, galt als kompetent, und wer kompetent war, dem glaubte man die Aussage. Am Ende sprach der Text für seinen Verfasser.

Für diesen Behelf gibt es ein geläufiges Wort: Prestige. Unsere Gesellschaft verlässt sich bis heute darauf. Prestige entscheidet mit, wer eingestellt wird und wer Geld für ein Vorhaben bekommt. Es wirkt in Aufsichtsräten, in der Politik und sogar in den Kommentarspalten sozialer Medien.

Was KI daran ändert

Dieser Behelf funktioniert nicht mehr. Ein KI-Modell liefert jedem in Sekunden einen gut aufgebauten Text. Glaubwürdig zu klingen, kostet nichts mehr.

Früher kostete ein solcher Text Zeit und Übung. Wer ihn vorlegte, zeigte damit, dass er beides aufgebracht hatte. Auf diesem Aufwand beruhte die bequeme Faustregel, und deshalb taugt sie heute nicht mehr.

Die Folgen gehen über Täuschung hinaus

Die meisten Menschen sehen darin vor allem ein Einfallstor für Täuschung. Wer nichts weiß, klingt jetzt wie jemand, der etwas weiß. Das stimmt, doch die Folgen reichen weiter.

Davon profitieren Menschen, die ihre Aussagen nicht belegen können. Den Schaden haben aber alle anderen. Wenn ein glatter Text nichts mehr über seinen Verfasser sagt, wird jeder glatte Text verdächtig. Das gilt auch für Texte von Menschen, die ihr Fach wirklich beherrschen.

Wer zwanzig Jahre lang gelernt hat, klar zu schreiben, hatte damit einen Vorteil, der heute nichts mehr zählt. Die Menschen, die den Verlust tragen, haben nichts falsch gemacht.

Auch dieser Text

Meine Entwürfe entstehen mithilfe von KI, auch der Entwurf dieses Textes. Sie haben also keinen Grund, mir anzurechnen, wie gut er sich liest. Genau darum geht es in diesem Beitrag.

Ob der Text stimmt, müssen Sie auf anderem Weg prüfen. Dafür gibt es zwei Prüfungen. Die zweite können Sie gleich an diesem Text ausprobieren.

Zwei Prüfungen, die Arbeit kosten

Was an die Stelle des Prestiges tritt, kostet mehr Zeit, lässt sich aber nicht umgehen. Sie müssen die Aussage unabhängig von ihrem Verfasser beurteilen, weil der Text über ihn nichts mehr verrät. Dazu dienen zwei Prüfungen, und beide kosten Arbeit.

Erste Prüfung: Verstehen Sie die Aussage? Gemeint ist mehr als Wiedererkennen. Wer einem Text zunickt, weil seine Form vertraut wirkt, hat ihn noch nicht verstanden. Verstanden haben Sie ihn erst, wenn Sie ihn in eigenen Worten jemandem erklären können, der anderer Meinung ist.

Zweite Prüfung: Lässt sich die Aussage belegen? Dafür brauchen Sie eine Quelle, die nicht vom Verfasser stammt. Deshalb gebe ich die Stelle an: Platon, Gorgias 459a.

Schlagen Sie die Stelle nach. Habe ich falsch wiedergegeben, was dort steht, dann sollten Sie auch dem Rest dieses Textes nicht trauen.

Das ist nichts anderes als eine vernünftige Faktenprüfung. Sie bedeutet nicht, dass Sie jeden verdächtigen oder keinem mehr glauben müssen. Sie ist ein Mindeststandard, der für jede Aussage gilt, ganz gleich, von wem sie stammt.

Warum ich das für eine gute Nachricht halte

Ich bin überzeugt: Wir erleben das Ende des Prestiges. Das ist eine gute Nachricht, auch wenn sie uns mehr Mühe abverlangt.

Prestige war nie ein Maß für Wahrheit, sondern nur eine bequeme Faustregel. Mit ihr konnten wir unser Urteil an jemanden abgeben, der überzeugend genug wirkte, um als Experte zu gelten.

Belohnt hat diese Faustregel Menschen, die sich gut ausdrücken. Ausgesiebt hat sie jeden, der recht hatte, aber unbeholfen schrieb. Ebenso traf es jeden, der in einer Zweitsprache schrieb oder keinen akademischen Titel hatte.

Dieser Filter versagt gerade. Was danach kommt, verlangt mehr von jedem Leser. Es lässt sich nämlich nicht delegieren: Sie müssen die Sache selbst verstehen und sie dann selbst prüfen.

Ein kluger Leser hat schon immer selbst geprüft, was er liest. Wir hatten bisher nur eine sehr bequeme Ausrede, es nicht zu tun.

Fragen und Antworten

Was sagt Platons Gorgias über Fachwissen und Überredung?

In Abschnitt 459a fragt Sokrates, ob vor Laien ein Redner ohne medizinisches Wissen überzeugender wirkt als ein Arzt. Gorgias bejaht das. Überzeugungskraft und Fachwissen fallen dieser Stelle zufolge auseinander.

Warum macht KI gut geschriebene Texte weniger glaubwürdig?

Ein flüssiger, gut begründeter Text galt als Zeichen dafür, dass sein Verfasser sein Fach kennt. KI erzeugt solche Texte für jeden in Sekunden. Der Stil sagt deshalb nichts mehr über den Verfasser. Das gilt auch für Texte echter Fachleute.

Wie prüft man eine Aussage, ohne sich auf den Absender zu verlassen?

Prüfen Sie zuerst, ob Sie die Aussage jemandem mit anderer Meinung in eigenen Worten erklären können. Suchen Sie danach eine Quelle, die nicht vom Verfasser stammt, und lesen Sie nach, ob sie die Aussage bestätigt.

Ist ein mit KI geschriebener Text deshalb weniger wert?

Nein, das folgt daraus nicht. Sein Stil verrät nur nichts mehr über den Verfasser. Prüfen Sie den Inhalt deshalb so, wie Sie jeden anderen Text prüfen würden.

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